(...)
Der Lichtkegel der Taschenlampe kroch Zentimeter für Zentimeter über die kleine Sitzgruppe links von der Tür und wanderte langsam an den Regalen entlang in die Ecke neben dem Panoramafenster. Dort hielt er kurz inne und glitt dann an der Wand hinab über den fetten Teppichboden zum Schreibtisch. Dort angekommen tastete sich der Strahl hinauf zur Arbeitsplatte, erreichte Tastatur und Bildschirm und stoppte abrupt seine Wanderschaft.
Ich hatte den Bildschirm geistesgegenwärtig ausgeschaltet, als wir das metallische Knacken des Türschlosses hörten und Johannes hatte seinen winzigen tragbaren Computer mit einer geschickten Handbewegung verschwinden lassen. Es gab keine verräterischen Anzeichen, die auf unsere Anwesenheit hingedeutet hätten. Oder doch? Hatten wir etwas vergessen oder übersehen?
Verdammt. Natürlich, der PC unter dem Schreibtisch produzierte ein leises Rauschen. Es war keine Zeit mehr gewesen, ihn auszuschalten. Das Geräusch musste nicht unbedingt Verdacht erregen. Viele Leute, die ich kannte, ließen ihren PC über Nacht eingeschaltet um Post zu empfangen oder größere Dateien zu übertragen. Ich hatte keine Ahnung, ob das in diesem Bürogebäude ähnlich gehandhabt wurde. Vielleicht war das ja sogar aus Gründen des Brandschutzes verboten.
Ich hielt die Luft an und versuchte, meine fünfundneunzig Zentimeter Brustumfang durch Konzentration und Atemtechnik auf Körbchengröße B zu reduzieren, was aber erwartungsgemäß ohne nennenswerten Erfolg blieb. Also presste ich mich noch tiefer in den schmalen Spalt zwischen Aktenschrank und Rückwand und wartete darauf, dass der Wachmann mich entdeckte.
Ich konnte ihn nicht sehen, die Tür öffnete sich nach innen und das Blatt stand jetzt gerade wie eine Trennwand zwischen mir und der Türöffnung. Ich hatte bei meiner überstürzten Flucht in die dunkelste Ecke des Büros aus den Augenwinkeln mitbekommen, dass Johannes ebenfalls auf dieser Seite des Raumes Deckung gesucht hatte. Vermutlich stand er jetzt in diesem Moment direkt hinter der Tür.
Wo Kim Zuflucht gesucht hatte, wusste ich nicht. Es gab in diesem Fünfundzwanzig-Quadratmeter-Büro nicht viele Möglichkeiten, sich unsichtbar zu machen. Auch nicht, wenn man nur einsachtundfünfzig groß war und knapp fünfundvierzig Kilo wog. Für Kim sprach allerdings, dass sie gelenkig war, wie eine Artistin aus dem chinesischen Staatszirkus. Ich traute ihr zu, dass sie wie ein Gecko unter der Zimmerdecke klebte.
Wenn der Wachmann den Lichtkegel seiner Taschenlampe weiter wandern ließ, würde er mich unweigerlich entdecken. Erst mich und dann schließlich auch Johannes. Bevor es so weit kam, würde mein Cousin etwas unternehmen. Das war so sicher wie das viel zitierte Amen in der Kirche. Mein Blondinenverstand reichte mühelos aus, um zu erfassen, dass die Strafe für den Einbruch deutlich geringer ausfallen würde, wenn wir vermeiden konnten, dabei einen anderen Menschen niederzuschlagen.
Wir hatten ohnedies bereits riesiges Glück gehabt. Johannes war auf die Idee gekommen, die Zahlenkombinationen, die wir Roxys Handtasche gefunden hatten, am Codeschloss der Bürotür auszuprobieren. Tatsächlich war es uns in Verbindung mit der anderen Schlüsselkarte gelungen, so in das Büro einzudringen, ohne Gewalt anzuwenden. Andernfalls hätte der Wachmann bestimmt längst Alarm geschlagen. Vermutlich hatte die Eingabe einiger falscher Zahlen aber irgendwo ein Signal ausgelöst und ihn zur Kontrolle hierher geführt.
Der Wachmann trat ein paar Schritte in den Raum hinein, um den Bereich hinter der Tür absuchen zu können. Ich drückte mich noch tiefer in die schmale Lücke, bis meine Schulterblätter zu schmerzen begannen. Der Lichtkegel wanderte wieder ein Stück zurück nach links und pendelte sich dann auf der schmalen Tür ein, die zwischen den Regalen zu einem winzigen Waschraum führte. Wahrscheinlich hatte Kim sich den als Zuflucht ausgesucht, schoss mir durch den Kopf. Ein flaues Gefühl machte sich in meinem Magen breit, als der Wachmann sich in Bewegung setzte. Er drückte die Klinke nieder, schob die Tür langsam auf und leuchtete in den kleinen Verschlag. Dann trat er in die Öffnung und beugte sich ein wenig vor, um auch den Bereich hinter der Tür zu erfassen.
In diesem Moment handelte Kim. Völlig geräuschlos schob sie sich aus ihrem Versteck, was sie sich, wie ich später erfuhr, hinter dem zweisitzigen Sofa der Sitzgruppe gesucht hatte. Für einen normalgroßen Menschen wäre es völlig unmöglich gewesen, dort Platz zu finden, aber die gelenkige Kim hatte sich wie eine Schlange in die schmale Öffnung gewunden. Jetzt nutzte sie die wenigen Sekunden, in denen die Aufmerksamkeit des Wachmanns abgelenkt war, um ihr Versteck zu verlassen und durch die Tür in den Vorraum zu flüchten. Als sie den Türrahmen passierte, verdunkelte sich für einen kurzen Moment der Lichtschein, der einzige Hinweis für uns, dass etwas geschah. Der Wachmann hatte nichts bemerkt und kehrte nun wieder ins Büro zurück. In den nächsten Sekunden würde er uns entdecken. Für Johannes und mich hatte es in der kurzen Zeit keine Gelegenheit zur Flucht gegeben.
Der Lichtkegel wanderte nun vom Fenster an der rechten Wand entlang und würde mich nach zwei weiteren Metern erreichen. Ein leises Geräusch aus dem Vorraum ließ ihn ein weiteres Mal innehalten. Kim! Natürlich hatte sie sich absichtlich bemerkbar gemacht um den Wachmann dazu zu bringen, dem Geräusch nachzugehen. Der zögerte keine Sekunde und eilte hinaus in den Vorraum. Der Lichtkegel irrte hektisch umher und schien schließlich in der Wartezone im Foyer zu landen.
»Was tun Sie hier?«, hörten wir die tiefe Stimme des Wachmanns.
»Hm? Was ist los, wer sind Sie? Tun Sie das gottverdammte Licht weg.« Kims Stimme klang rau und gedehnt, als wäre sie soeben aus einem tiefen Schlaf erwacht.
»Das frage ich Sie: Wer sind Sie und was tun Sie hier?« Die Stimme des Wachmanns klang nicht mehr so streng, nachdem er den vermeintlichen Eindringling als schmale Frauengestalt identifiziert hatte.
»Ich arbeite hier. Ich habe geschlafen, verflucht.«
»So, so, Sie arbeiten hier. Um diese Zeit? Wie eine Sekretärin sehen Sie auch nicht gerade aus.«
Kim grunzte, und ich konnte geradezu vor mir sehen, wie sie sich mühsam aufrichtete und sich den Schlaf aus den Augen rieb.
»Bin ich auch nicht. Ich bin Modell.«
»Häh?« Der Wachmann war offenbar nicht darüber informiert, was hinter den Türen seiner Schutzbefohlenen geschah.
»Das hier ist eine Modellagentur.«
Jetzt schien bei ihm der Groschen zu fallen.
»Sylvie Delacroix ... Modellagentur. Klar. Aber das ist doch ein ... dann sind Sie eine ...«
»Eine was?«, spielte ihn Kim mit ihrer inzwischen kuschelweichen Stimme an.
»Hey, Mädchen, du bist eine Nutte, oder?«
Warum gab es nur so viele Arschlöcher auf dieser Welt. Kaum glaubte er, herausgefunden zu haben, wie Kim ihren Lebensunterhalt verdiente, da mutierte er auch schon zum Kotzbrocken.
»Willst du es herausfinden?«, gurrte Kim. Sie spielte das Spiel seit zehn Jahren und sie beherrsche es besser als jede andere von uns. Ausgenommen vielleicht Valeska, aber das konnte ich nicht beurteilen, die hatte ich nie bei so einer Aktion gesehen.
Vom Wachmann hörte man als Antwort auf Kims Frage nur ein heftiges Atmen.
»Wenn du mich danach in Ruhe weiterschlafen lässt, können wir uns ja ein bisschen unterhalten«, raunte meine talentierte Exkollegin.
»Okay«, hörten wir sein Keuchen. Viel mehr Text brachte er nicht mehr zustande.
»Oh, du bist ja bewaffnet. Willst du mir deinen Knüppel nicht mal zeigen.«
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich fragte mich allerdings, ob Johannes das ebenfalls so humorvoll nehmen würde.
»Moment«, hörte ich Kim. »Halt still.«
»Mach ohne«, protestierte der Wachmann. Kim hatte tatsächlich ein Kondom griffbereit in der Hosentasche gehabt.
»Kommt nicht infrage«, lehnte Kim ab.
Ich ahnte was nun kommen würde.
»Aua, du Arsch. Soll ich ihn dir abbeißen?«, hörte ich Kim schimpfen. Ich glaube, im Dunklen zu erkennen, wie Johannes seine Hände zu Fäusten ballte. Ich hielt den Atem an. Hoffentlich machte er nun keinen Unsinn. Draußen entspannte sich die Lage aber schnell wieder.
»Lass den Blödsinn. Ich hab einen Pilz. Willst du dich anstecken?« Kim war mit allen Wassern gewaschen und hatte ihre Nerven offenbar vorsichtshalber zu Hause gelassen.
Der Wachmann sträubte sich nicht länger gegen das Gummi, und die Geräusche, die in den nächsten Minuten zu uns drangen, machten deutlich, dass ihm Kims nun umgehend folgende Behandlung gefiel.
»So, nun verschwinde und lass mich schlafen, Süßer«, wollte Kim schließlich das Treffen beenden.
»Tut mir leid, aber ich muss dich melden.« Kaum hatten die Kerle die Hose hochgezogen, kam auch die große Klappe wieder zurück.
Kim ließ sich jedoch nicht beeindrucken.
»Meinst du, dass diese Samenspende förderlich für deine Karriere ist, Schatz?«
»Gib es mir«, drohte der Typ.
»Nein, ich behalte es. Und wenn du noch einen Schritt näher kommst, kippe ich die Suppe auf den Teppich, dann kannst du morgen meiner Chefin erklären, was du hier gemacht hast. Pfefferspray tut in den Augen übrigens scheiße weh.«
Ich spürte, dass Johannes sich bereit machte, einzugreifen. Er würde es nicht zulassen, dass der Wachmann Kim auch nur ein Haar krümmte. Der hatte seine Vorwärtsbewegung nach Kims Warnung aber offenbar eingestellt. Kims Ton wurde sofort wieder versöhnlich.
»Verschwinde einfach, halt die Klappe und lass uns Freunde bleiben.«
Ein paar Sekunden war Totenstille.
»Wir sprechen uns noch«, ließ der Wachmann schließlich noch eine verbale Duftmarke ab. Schließlich war er ein ganzer Kerl, der auch Niederlagen noch in vermeintliche Siege verwandeln konnte. Dann hörten wir die Tür zum Gang ins Schloss fallen und eine Minute später summte der Fahrstuhl.
Ich ließ mit einem leisen Zischen die Luft aus meinen Lungen entweichen und bezahlte das tiefe Ausatmen umgehend mit einem leichten Schwindelgefühl. Nachdem mit dem Wachmann auch seine Lampe verschwunden war, dauerte es einige Sekunden, bis sich meine Augen wieder an den schwachen Lichtschein gewöhnt hatten, der durch das Panoramafenster hereinfiel – die Aura der schlafenden Stadt.
Johannes bewegte sich lautlos zu mir herüber und berührte meinen Oberarm.
»Bist du Okay, Sascha?«
Ich ahnte seine Worte eher, als dass ich sie hörte. Ich nickte, dann fiel mir ein, dass er mich vermutlich genauso wenig deutlich sehen konnte, wie ich ihn und flüsterte ein »Ja.«
»Gut.«
Er bewegte sich schon wieder auf den Schreibtisch zu. War der Kerl wahnsinnig geworden? Offenbar wollte er dort weitermachen, wo wir unterbrochen worden waren. Ich wollte nur noch hier raus. Johannes machte sich jedoch unverdrossen ans Werk und ich riss mich zusammen und ging nach Kim sehen. Sie stand noch immer mitten im Foyer, ich erkannte ihre Gestalt im schwachen Lichtschein, der auch hier durch das Fenster fiel.
»Alles in Ordnung?«, fragte ich.
»Klar«, antwortete sie leise und ich spürte, dass nicht alles in Ordnung war. Aber jetzt war nicht die Zeit, darüber zu reden.
(...)
aus Agentur Valeska: Modelmord (erscheint 2011)